Hessen funzt mit two4science

Wissenschaft erleben:

Raketentreibstoff aus Brausetabletten

von Elisa Schröer, 15. Januar 2018, Naturwissenschaft

Wie kann man jungen Menschen Wissenschaft näherbringen? Mit Handfegern! Für die promovierten Chemikerinnen Ute Hänsler und Andrea Gruß ist das eine von vielen Antworten auf diese Frage. Gemeinsam gründeten sie 2004 das Unternehmen two4science mit dem Ziel, Wissenschaft mit außergewöhnlichen Experimenten erlebbar zu machen.

An den Chemie-Unterricht in der Schule haben wohl die wenigsten von uns gute Erinnerungen: Komische Formeln und graue Theorie mit vorgefertigten Experimenten. Dabei ist Chemie ein außerordentlich spannendes Fach ­– und Experten werden gesucht. Ob in der Pharma-, Lebensmittel-, oder Kunststoffindustrie, in der Forschung, im Produktmanagement oder der Analytik: Die Aufgaben von Naturwissenschaftlern sind vielfältig und abwechslungsreich. Dennoch fällt es vielen Lehrern schwer, die Faszination für Naturwissenschaften zu vermitteln.

Genau diesem Problem traten Ute Hänsler und Andrea Gruß entgegen, als sie two4science gründeten. Ursprünglich wollten sie Unterrichtsmaterialien schreiben, um die naturwissenschaftliche Ausbildung an Schulen spannender zu gestalten. Dann kam ihnen eine zündende Idee. „Bei den ersten Ferienspielen für Grundschulkindern mit Experimentierprogramm, die wir noch ehrenamtlich geleitet haben, merkte ich sofort, dass diese Veranstaltung nicht nur mir viel Spaß machte. Auch die teilnehmenden Kinder und deren Eltern waren begeistert“, sagt Hänsler. „Sie erfuhren, wie faszinierend die Naturwissenschaften sein können – beispielsweise indem sie Raketen mit Brausetabletten als Treibstoff bauten.“

Seither veranstalten die beiden Chemikerinnen regelmäßig Science Camps und andere Experimentierworkshops – in Hessen auch als Bildungspartner der Chemieverbände Hessen. 24 feste und 12 freie Mitarbeiter unterstützen sie dabei: Chemiker, Biologen, Physiker und Pädagogen. Gemeinsam erreichen sie beispielsweise durch den Betrieb von zwei Schülerlaboren eines großen Chemiekonzerns rund 12.000 Schüler pro Jahr. Die Sechs- bis Zwölfjährigen führen unter der Aufsicht von Experten – viele von ihnen sind Lehramtsstudenten der Naturwissenschaften – Experimente durch. Die Kinder lernen, wie viel Spaß Wissenschaft macht und dürfen diese mit ihren Händen erleben.

Seit 2008 dürfen auch Erwachsene mit two4science experimentieren. Genauso wie die Kinder, bekommen diese in kleinen Gruppen Sets mit Material und eine experimentelle Aufgabenstellung. „Besonders beliebt ist das Lichtfeger-Rennen: Aus einem Handfeger, Solarzellen und Kabeln bauen die Teilnehmer kleine Rennbesen. Der schnellste und schönste werden am Ende der Veranstaltung prämiert“, sagt Hänsler. „Ich freue mich am Ende jeder Veranstaltung zu sehen, wie stolz sowohl Kinder als auch Erwachsene auf ihre selbst gebauten Objekte sind.“

Interview:

“Forschendes Lernen”

Der Science Frog sprach mit Ute Hänsler über ihre Arbeit mit Kindern, die Begeisterung für die Naturwissenschaften und Brausetabletten als Raketentreibstoff:

Was motiviert Sie persönlich an Ihrer Arbeit?

Ich bin selbst Naturwissenschaftlerin und weiß, wie viel Spaß es macht, forschend durch die Welt zu gehen – und das möchte ich möglichst vielen Menschen vermitteln. Es geht gar nicht darum, dass alle Kinder später eine Ausbildung im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) machen. Wichtiger ist uns, die naturwissenschaftliche Bildung insgesamt zu verbessern.

Leider ist unser Einfluss hier nicht direkt messbar. Aber es motiviert mich, wenn Kinder ihre Umgebung vergessen, weil sie sich ganz in ein Experiment vertiefen, oder wenn eine Gruppe Grundschulkinder laut jubelt, weil ihnen das Experimentieren so viel Spaß macht. Das lässt mich annehmen, dass wir zu langfristigen Veränderungen beitragen können.

Besonders schön war, dass wir im letzten Jahr erlebt haben, wie wir mit Experimentierworkshops für junge Erwachsene der Initiative Joblinge Lebenswege auch direkt beeinflussen können. Im Rahmen von MINT-Workshops, die wir entwickelt haben, lernen Unternehmensvertreter benachteiligte Jugendliche kennen. Bereits in der Pilotphase haben einzelne Jugendliche über diesen Kontakt Ausbildungsverträge bekommen. Da hat das ganze two4science-Team mitgejubelt!

Lebenslauf Dr. Ute Hänsler

Seit 2004

Geschäftsführerin two4science

Seit 1993

Freie Wissenschaftsjournalistin

1994-2000

Redakteurin für Wissenschaft und Technik, Deutsche Welle

1989-1993

Promotion in bio-organischer Chemie an der State University of New York at Stony Brook

1983-1989

Studium der Chemie an der TU Darmstadt und Uni Heidelberg

Wer neugierig durch die Welt geht, hat mehr vom Leben. Und wer grundlegende Forscherkompetenzen trainiert hat, dem kann man kein x für ein u vormachen. Das ist heute in allen Lebensbereichen wichtig.

Ute Hänsler von two4science möchte Menschen von den Naturwissenschaften begeistern.

Warum ist es Ihnen besonders wichtig, Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften zu begeistern?

Mein heute 17-jähriger Sohn musste – genau wie ich vor Jahrzehnten – am Anfang seines Chemieunterrichts das Periodensystem auswendig lernen. Mir ist es ein großes Anliegen, möglichst vielen Schülern zu zeigen, dass es Naturwissenschaftlern nicht primär darum geht, bereits vorhandenes Wissen wiederzukäuen. Sie sollen selbstständig für sich neue Dinge entdecken. Experten sprechen dabei von forschendem Lernen. Sehr viele Grundschullehrer haben dies inzwischen verstanden und bieten tollen Sachunterricht zu naturwissenschaftlichen Themen an. Da wird viel experimentiert – ganz oft kompetenzorientiert, also nach modernen didaktischen Methoden. Zum Glück machen sich auch immer mehr weiterführende Schulen auf den Weg, den Chemie-, Physik- und Biologieunterricht zu modernisieren.

Wie erreichen Sie Kinder und Jugendliche?

Vor allem indem wir sie möglichst selbstständig experimentieren lassen. Wir stellen Aufgaben und bieten Materialien an. Es gibt dann fast immer mehrere Möglichkeiten, die Aufgabe zu bearbeiten. Ich zögere hier zu sagen: „zu lösen“. Denn Experimente, die eine Lösung haben, wirken nicht besonders nachhaltig. Ein Beispiel: Früher haben Schüler ausschließlich nach Anleitung experimentiert. Nach exakter Vorgabe haben sie beispielsweise eine Brausetablette und eine bestimmte Menge Wasser in ein Plastikröhrchen getan und das Röhrchen verschlossen. Und nach ein paar Sekunden ist dieses mit lautem Knall in die Luft geflogen. Der Jubel war natürlich groß und der Spaßfaktor auch. Aber ein viel größeres und nachhaltiges Erfolgserlebnis können wir bieten, indem wir die Aufgabe stellen: Baut aus dem Plastikröhrchen eine Rakete, die möglichst weit fliegt. Dazu stellen wir neben Braustabletten auch Backpulver, Natron, Essig, Wasser und vielleicht Salz und Pfeffer zur Verfügung. Dann geht es darum, herauszufinden unter welchen Voraussetzungen die Rakete überhaupt fliegt und mit welchem „Treibstoff“ dies am effektivsten geschieht. Wer es dann schafft, ein gutes Ergebnis zu erzielen, der wird sich sehr lange an das Experiment erinnern – das ist forschendes Lernen.

Was sind Ihre Ziele für 2018?

Dieses Jahr möchten wir unseren Wirkungsbereich weiter vergrößern. Wir arbeiten derzeit an Unterrichtsmaterialien für den naturwissenschaftlichen Unterricht in 5. und 6. Klassen, die bundesweit eingesetzt werden sollen. Auch hier geht es darum, praxistaugliche Materialien zu schaffen, die Lehrkräfte gerne einsetzen. Auf dieses Weise hoffen wir, viele Lehrkräfte für Hands-on Science im Unterricht begeistern zu können und damit auch letztendlich möglichst vielen Schülern zu beweisen, dass die Naturwissenschaften auch in der Schule richtig spannend sein können.

Lebenslauf Dr. Ute Hänsler

Seit 2004

Geschäftsführerin two4science

Seit 1993

Freie Wissenschaftsjournalistin

1994-2000

Redakteurin für Wissenschaft und Technik, Deutsche Welle

1989-1993

Promotion in bio-organischer Chemie an der State University of New York at Stony Brook

1983-1989

Studium der Chemie an der TU Darmstadt und Uni Heidelberg


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