Wenn guter Schlaf zur Nebensache wird

Schlaflos in Hessen – Wie Digitale Medien Stress auslösen

von Hannah Rohrbach, 9. April 2018, Healthcare

Immer und überall erreichbar sein – immer auf dem neusten Stand und im Austausch mit unseren Mitmenschen. Wir schreiben Mails oder chatten. Wir schauen Fernsehen bis in die Nacht. Das Smartphone ist immer griffbereit. Die Folge: Der Körper ist gestresst und wir werden täglich müder. Warum verursachen digitale Medien permanenten Schlafmangel? Hessische Forscher gingen der Sache auf den Grund.

20 Uhr. Noch sieben ungelesene Mails. 22 Uhr. Das Smartphone leuchtet auf – Zehn neue Nachrichten. 1 Uhr. Die nächste Serienfolge auf Netflix flackert über den Bildschirm. Die Augen wollen zufallen und ein Gähnen kündigt sich an. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass der Wecker schon in fünf Stunden klingeln wird. Schule, Arbeit oder die Kurse an der Universität beginnen zwischen 7 und 8 Uhr. Doch bis wir das Land der Träume erreichen, dauert es noch. Viele kennen dieses Verhalten von sich selbst: Wir vergessen zu schlafen – der Schlaf wird zur Nebensache.

Ein Problem vieler Menschen

Annähernd 34 Millionen deutsche Arbeitnehmer leiden an Schlafmangel – und sind selbst für die Müdigkeit verantwortlich: Nächtliches Fernsehen, spätes Mails-Beantworten und ständige Erreichbarkeit über das Smartphone tragen erheblich dazu bei. Bei jungen Menschen ist das Problem noch gravierender: Mehr als 70 Prozent können sich ein Leben ohne Rund-um-die-Uhr-Zugang zu Smartphone und Co. nicht mehr vorstellen.Das Resultat dieser Mediennutzung zeigt eine Azubi-Gesundheitsstudie mit 8.850 hessischen Befragten, durchgeführt vom Schlafmedizinischen Zentrum Gießen/Marburg. Demnach schlafen junge Menschen unter der Woche nur etwa sechseinhalb Stunden pro Nacht. „Damit schlafen sie deutlich weniger als ältere Erwachsene, obwohl sie in ihrer Lebensphase eigentlich mehr Schlaf benötigen“, erklärt Ulrich Koehler, Leiter des Zentrums.

Eine Ursache des Schlafmangels

Guter Schlaf ist etwas, worauf wir nicht verzichten sollten. Und er bildet die Grundvoraussetzung für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. „Etwa gegen 21 Uhr wird die Produktion des Schlafhormons Melatonin im Körper angekurbelt und fällt morgens nach 3 Uhr wieder ab. Je weniger Licht wir abends und in der Nacht abbekommen, desto höher ist die Konzentration des Hormons. Wir erfahren einen erholsamen Schlaf.“, betont Diplompsychologe Werner Cassel vom Universitätsklinikum Gießen/Marburg. Unseren Schlaf zu verkürzen, verschafft uns dagegen nur vermeintlich mehr aktiv nutzbare Zeit.

Die Schlafmediziner haben sich darauf spezialisiert, Ursachen von Schlafstörungen zu analysieren. Denn Schlaf ist messbar. Das Interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum des Universitätsklinikums Gießen/Marburg beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Thematik. Jährlich lassen sich dort ca. 4.600 Patienten betreuen.

Die Polysomnographie

Die Polysomnographie ist das diagnostische Verfahren, um physiologische Reaktionen im Schlaf zu messen. Sie gibt Aufschluss über die einzelnen Schlafphasen. Mithilfe von Elektroden an Kopf, Brust und Zeigefinger überwachen Schlafmediziner im Labor den Schlaf. U. a. Hirn- und Muskelaktivität, Augenbewegungen, Atmung, Herzfrequenz, sowie der Sauerstoffgehalt im Blut bestimmen über die Qualität der Nachtruhe.

Um der speziellen Ursache von Schlafstörungen im digitalen Zeitalter auf den Grund zu gehen, untersuchten Wissenschaftler in einer aktuellen Studie (2018) den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und qualitativ, sowie quantitativ gutem Schlaf. Professor Manfred Betz von der Technischen Hochschule Mittelhessen, Werner Cassel und Professor Ulrich Koehler betreuten das Projekt: 18 Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren spielten eine Woche lang jeweils fünf Stunden ein Computerspiel namens „Counterstrike“. Das virtuelle Strategiespiel erfordert hohe Konzentration und Reaktionsfähigkeit. „Besonders ist bei uns gewesen, dass wir die Kontrollgruppe mit dem Brettspiel installiert haben“, erläutert Cassel. Diese beschäftigte sich parallel dazu von 18 bis 23 Uhr mit dem Brettspiel „Marburg Monopoly“. Die anschließende Überwachung mittels der Polysomnographie in den Betten des Schlaflabors brachte interessante Ergebnisse.

Permanente Unruhe

Der Studienaufbau simulierte den alltäglichen Medienkonsum junger (und auch älterer) Menschen – permanentes Surfen im Internet, regelmäßige Nutzung diverser Apps oder das Spielen von Online-Spiele bis tief in die Nacht. Das Ergebnis: Der Körper kommt nicht zur Ruhe. Das trägt zu (Ein-)Schlafproblemen bei. Das bestätigte sich bei den Teilnehmern der Studie. Bei den Computerspielern lag der Melatoninspiegel niedriger, der des Stresshormons Adrenalin dagegen höher als bei der Monopoly-Gruppe. Ein Gedächtnistest zeigte zudem deutliche Konzentrationsprobleme bei der Computerspiel-Gruppe auf, so die Forscher aus Marburg und Gießen. Das Fazit: Der Konsum digitaler Medien löst Stress aus und verhindert Erholung.

Aber warum genau? „Wer vor dem Schlafengehen stundenlang vor dem Bildschirm sitzt, trägt ein höheres Risiko, lange zum Einschlafen zu brauchen. Die blauen Anteile des natürlichen Lichts nehmen gegen Abend ab. Für den Körper ist dies das Zeichen, Melatonin auszuschütten und zur Ruhe zu kommen. LED-Bildschirme enthalten in der Regel mehr Blau-Anteile als das Tageslicht und können entsprechend aufputschend wirken“, erklärt Werner Cassel. Abendlicher digitaler Medienkonsum führe zu späteren Schlafzeiten und einer schlechteren Verfassung am Folgetag, fasst Ulrich Koehler das Grundproblem zusammen.

Die Dosis macht den Unterschied

Die Studie zeigt, dass bei chronischem Schlafmangel kein Nickerchen und auch kein Koffeinkonsum ausreichen, um das Defizit auszugleichen. Nur mit „der richtigen Dosis Licht zur richtigen Zeit können wir uns sowohl fit für einen aktiven Tag als auch für eine erholsame Nacht machen“, resümiert Werner Cassel. Melatonin bestimmt maßgeblich unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Guter Schlaf ist also keine Nebensache. Er hebt die Laune, stärkt den Körper und mindert das Unfallrisiko. 24-Stunden-Erreichbarkeit sollte nicht wichtiger sein, als eine gesunde Nachtruhe.


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