Naturentfremdung in Hessen

Natur erleben 2.0

von Jens Föller, 15. Januar 2018, Naturwissenschaft

Die Digitalisierung schreitet immer schneller voran, 2050 werden zwei Drittel aller Menschen in Städten wohnen. Was mit diesen Veränderungen scheinbar verloren geht, ist die Verbindung des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt. Studien aus Mittelhessen berichten über die Naturentfremdung von Kindern und Jugendlichen, und bieten Ansätze, um dieser entgegen zu wirken.

Seit über 20 Jahren hat Dr. Rainer Brämer durch den von ihm initiierten „Jugendreport Natur“ untersucht, wie Kinder und Jugendliche ihre Umwelt wahrnehmen. In welcher Himmelsrichtung geht die Sonne auf? In welchem Monat geht die Sonne am spätesten unter? Wie viele Eier legt ein Huhn pro Tag? Auf diese und andere Fragen kennen immer weniger Kinder und Jugendliche die richtige Antwort. Zum Thema „besondere Naturerlebnisse“, fiel der Hälfte nicht ein einziges ein. Noch einmal deutlich weniger konnten sich gar an ein negatives, bedrohliches Ereignis erinnern. Dr. Rainer Brämer spricht mit Engagement und Sorge über das Thema Naturentfremdung. „Viele Eltern halten alles vermeintlich Gefährliche von ihren Kindern fern. Viel zu oft bleiben die jungen Menschen drinnen, beschäftigen sich mit unterschiedlichen ‚sicheren’ Medien anstatt draußen zu spielen“, so Dr. Brämer. „Durch diese Verhäuslichung verlieren die Kinder den Bezug zu natürlichen Vorgängen, Rhythmen, dem Wetter und vielem mehr.“

 

Dr. Brämer plädiert für freies Spielen in freien Spielräumen, so wie es für die Eltern- und Großelterngeneration der heutigen Kinder völlig normal war. „Vorgefertigte Spielräume ersetzen nie eine natürliche Umgebung“, gibt er zu bedenken. Nach 20 Jahren Jugendreport Natur hat eine Generation der Befragten bereits die nächste abgelöst. „Es gab innerhalb von zwei Jahrzehnten einen immensen Rutsch. Man erkennt besonders bei Jugendlichen ein zunehmendes, ökologisch fatales Desinteresse an Natur“, warnt Dr. Brämer. „Ein Wissenstransfer von den Eltern auf den Nachwuchs bleibt mehr und mehr aus.“

Man sieht sich in seiner eigenen Umwelt als Fremdkörper – etwas Besonderes, fühlt sich haushoch überlegen. „Wir haben eine ausgesprochene Größenfantasie gegenüber dem, was wir für Natur halten“, so Dr. Brämer. Durch die Medien verschiebt sich unser Verständnis von Wirklichkeit. Natur konsumieren wir als Filme, Bilder und Wikipediaeinträge über Displays. Übrig bleibt ein Leben aus zweiter Hand, ohne selbst gemachte Erfahrungen und Erlebnisse.

Die Gründe für die wachsende Entfremdung sieht Dr. Brämer in den radikalen Wirtschaftsverhältnissen, die alles und jeden auf Rendite trimmen. Landschaften veröden, Monotonie herrscht vor. Spannende Erlebnisse sind vielerorts nicht zu finden. Eine weitere Ursache ist seiner Meinung nach oft bereits in der Schule verankert: „Der Unterricht ist trocken und abstrakt. Naturwissenschaft schreckt ab. Das Ganzheitliche fehlt, einzelne Fächer wie Biologie, Physik und Chemie werden isoliert voneinander aufbereitet.“

Wenn man Pflanzen und Tiere nicht mehr richtig benennen kann, nimmt man sie auch nicht mehr richtig wahr.

Dr. Rainer Brämer, Natursoziologe

Szenenwechsel: Was kann man gegen Naturentfremdung tun?

Der Gießener Botaniker Herrmann Hoffmann (1819-1891) ist Namensgeber der Akademie für junge Forscher in Gießen. Seit 2013 bietet die Einrichtung der Justus-Liebig-Universität Lehramtsstudierenden ein Praxisfeld, in dem sie erste Erfahrungen im Unterrichten sammeln. „Viele Studierenden erleben im Referendariat einen Praxisschock“, berichtet Prof. Dr. Volker Wissemann, fachlicher Leiter der Herrmann-Hoffmann-Akademie. „Manche hätten die Jahre des Studiums anders genutzt, wenn sie frühzeitig festgestellt hätten, dass sie für die Lehre nicht geeignet sind.“

Prof. Dr. Wissemann bemerkt auch: „Das Wissen um Natur und Naturzusammenhänge geht verloren oder ist nicht mehr vorhanden.“ Dies begründet er mit einem Wandel in der Gesellschaft, die den Bezug zum Ländlichen verliert. Eltern geben ihr Wissen immer weniger an Kinder weiter. „Die Hermann-Hoffmann-Akademie soll diesem Wissen, neben Schule und Universität, wieder Raum geben.“

So vereint die Akademie zwei Aufgaben: Lehramtsstudierende sammeln frühzeitig Praxiserfahrungen. Gleichzeitig finden Schulkinder durch betreute Forschungsprojekte den Spaß am Entdecken wieder. Themenausstellungen oder Projekte wie „Gießener Jugendliche forschen“, eine Regionalausgabe von „Jugend forscht“, sind wichtige Bestandteile im Konzept der Akademie. Neben lebensgroßen Dinosauriern wird aktuell ein Pottwal-Skelett für die Ausstellung im großen Hörsaal vorbereitet – einzigartig in ganz Hessen. Die Akademie lockt damit Besucher an, bietet ihnen einen Zugang zu Wissen und weckt das Interesse für eigene Forschungen und Entdeckungen.

Man darf den Verlust von Wissen nicht einfach akzeptieren. Wir müssen eine Veränderung an Schulen und Universitäten herbeiführen, indem wir die Menschen besser ausbilden, die als Wissens-Multiplikatoren aktiv sind.

Prof. Dr. Volker Wissemann, Fachlicher Leiter der Herrmann-Hoffmann-Akademie

(hier abgebildet mit einem Wirbel des Pottwales, welcher für die Ausstellung vorbereitet wird)

Zurück zur Natur

Dr. Rainer Brämer gefällt die Idee der Waldkindergärten: „Wie Tiere und Pflanzen sind auch wir Menschen am besten in unserem arteigenen Biotop aufgehoben. Draußen sind wir zuhause.“ Damit wieder mehr Kinder und Jugendliche Natur erfahren, müssen wir Erwachsenen umdenken. Naturerlebnisse  können durchaus mit den Medien konkurrieren, wenn sie die Chancen freier Welt- und Selbsterfahrung in Raum und Zeit bieten. Denn darauf sind sämtliche Sinne und Fähigkeiten, insbesondere der jungen Generation, optimal ausgerichtet.

„Der Mensch folgt einem uralten Entdeckerdrang. Unsere Vorfahren suchten nach Nahrung und Wasser. Sie drangen in neue Gebiete vor und entdeckten diese für sich.“ Dr. Brämer ist sich sicher, dass vor allem Kinder und Jugendliche diesen Drang ausleben möchten. Sie wollen hinter die nächste Biegung eines Weges schauen, auf Bäume klettern und Höhlen erforschen.

Draußen.

Frei.

Ohne Zwang und Aufsicht.

Lasst die Kinder zurück in die Natur.

Im Waldkindergarten Lich

 

 

 

Im Licher Waldkindergarten geht es bei jedem Wetter nach draußen. „Die Kinder erleben hier hautnah die Jahreszeiten“, freut sich Bettina Langner, Erste Vorsitzende des Waldkindergarten Lich e.V. „Sie entdecken in der Natur mehr Dinge als viele Erwachsene, spielen völlig frei mit allem was sie finden.“

 

 

 

 

 

 

Waldkindergartenkinder haben eine größere, lebhaftere Fantasie als Kinder aus Regelkindergärten mit vorgefertigtem Spielzeug im Regal. Kinder, die viel Zeit im Wald verbringen, sind weniger krank und haben ein stärker ausgeprägtes Sozialverhalten. Im Wald hilft jeder jedem, alle passen aufeinander auf.

 

 

 

 

Die Kinder eignen sich ein ausgeprägteres Verhältnis zur Natur an – spielerisch und mit einer Vielzahl von Fragen, wie nur Kinder sie stellen.

 

 

 

 

Ob diese Prägung nachhaltig bis ins Erwachsenenalter hinein wirkt, müssen kommende Studien zeigen.

 

 

Die Kinder lernen im Wald ihren Platz im großen Ganzen kennen. Sie verstehen, dass sie ein Teil davon sind.

Andrea Dobrick, Erzieherin, Licher Waldkindergarten e.V.

Mathematik, Schönheit, Natur. Welches Wort fällt aus der Reihe?

 

Keines. Die Natur bringt erstaunliche Formen und Muster hervor, die eine unerwartete Regelmäßigkeit aufweisen. Gänseblümchen haben 34, 55 oder 89 Blütenblätter, Butterblumen fünf. Auch die Samen in der Blüte der Sonnenblume sind nach einem Muster angeordnet: Sie bilden links- und rechtsdrehende Spiralen – normalerweise 21 und 34, 34 und 55 oder 55 und 89. Diese Zahlen gehören zu der sogenannten Fibonacci-Folge, benannt nach dem italienischen Mathematiker Fibonacci (Leonardo von Pisa) – und treten in der Natur überall auf. Jede der Zahlen ergibt sich aus der Summe der zwei vorherigen Zahlen der Reihe. Diese fängt mit null und eins an:

0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, usw.

Eine weitere Besonderheit ist, dass sich das Verhältnis von zwei aufeinanderfolgenden Fibonacci-Zahlen dem Goldenen Schnitt nähert, je größer sie werden. Bei diesem verhält sich die Größe des kleinen Teils zum langen Teil genauso, wie der lange Teil zur gesamten Größe. Das Verhältnis des Goldenen Schnitts empfinden viele Menschen als schön. Deshalb verwenden Architekten und Künstler ihn seit Jahrtausenden.

 


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