Digitalisierung und Handwerk

Handy statt Hobel?

von Yannick Schäfer, 28. Mai 2018, Technik

 

Möbel per Mausklick in das Wohnzimmer setzen, Wände per Knopfdruck verschieben und die Einrichtung des Hauses in Sekunden ändern? Das Alles ist bisher zwar nur digital bei Videospielen wie „Die Sims“ möglich, doch die Realität ist nicht mehr weit davon entfernt.

 

Nachdem die Dampfmaschine, das Fließband, und die Automatisierung unsere Industrie mehrfach stark verändert haben, sind wir heute in der Industrie 4.0 angelangt. Das bedeutet vor allem Digitalisierung und Vernetzung: Überall Computer und das Internet of Things.Technikriesen aus dem Silicon Valley und junge Start-Ups kommen einem dazu in den Kopf. Wie aber ist es mit traditionellen Berufen und mittelständischen Betrieben? Wie passt Industrie 4.0 zu Handwerk und kann man Werkstätten digitalisieren?
Um das herauszufinden, haben wir mit Schreinermeister Oliver Gorr geredet, der unter anderem als erster hessischer Schreiner einen Online-Möbelplaner hatte und ein Vorreiter des „Handwerk 4.0“ ist.

 

Ihren Betrieb gibt es nun seit  mehr als 15 Jahren. Wann haben Sie den Schritt ins Internet gewagt und wäre es heute noch aus Ihrem Beruf wegzudenken?


Den Schritt in das Internet habe ich, mit einer eigenen Website, schon früh gemacht. Mir war früh klar, dass eine Website wichtig für einen Betrieb ist. Heute ist sie nicht mehr wegzudenken. Von Beginn an nutze ich sie vor allem, um Produkte und Projekte zu zeigen. Seit Ende 2016 ist zusätzlich noch ein Möbelplaner auf der Website, mit dem der Kunde am PC oder auch mobil eigenständig seine Möbel nach Maß in 3D planen und bei mir bestellen kann. Hier hat er die Wahl zwischen mehreren vorgeplanten Möbelstücken, und kann diese individuell an die Bedürfnisse anpassen. Die Anpassungsmöglichkeiten gehen dabei von der Innenausstattung bis hin zum Dekor. Parallel hierzu kann man sich das Möbelstück in 3D anschauen und bekommt den aktuellen Preis vorgerechnet. Damit ist meine Schreinerei in Mittelhessen zurzeit die einzige, die so etwas anbietet.

 

Wie setzen Sie in Ihrer Schreinerei moderne Technik ein?

Computer kommen vor allem bei der Planung der Möbel zum Einsatz. Ich erstelle den Raum des Kunden am PC und baue das Möbelstück in 3D in den virtuellen Raum hinein. Auch in der Werkstatt nutze ich Computertechnik. An den NC-Maschinen kann ich die Maße, die ich brauche, in einen kleinen Computer eingeben und muss nur noch die Holzplatte durch die Maschine schieben.

Was sind eigentlich NC-Maschinen?

Als sogenannte NC-Maschinen bzw. Numerisch gesteuerte Maschinen bezeichnet man Maschinen, denen man digital bestimmte Informationen mitteilen kann und die diese dann selbstständig umsetzen. So kann man z.B. über einen Display bei einer Kreissäge die Schnittbreite, -länge und den –winkel einstellen. In das NC-Programm müssen nur noch die entsprechenden Daten eingeben werden. Das zu bearbeitende Werkstück schiebt man auch weiterhin per Hand durch die Maschine.

Sie stehen mit moderner Technik für Innovation, gleichzeitig ist Ihnen Tradition wichtig. Wo sind für Sie die Grenzen der Innovation?

Bei der Montage bin ich auf die traditionellen Werkzeuge angewiesen. Beim Kunden vor Ort passe ich alles per Hand bzw. mit Handmaschinen an. Zwar baue ich alle Möbel vorher komplett bei mir in der Werkstatt auf, jedoch habe ich beim Kunden noch keine Wand gesehen, die zu 100 Prozent gerade ist. Den heutigen Ansprüchen an Präzision, Qualität und auch Fertigungsdauer würde die alleinige Arbeit mit Säge und Hobel nicht mehr genügen.

Sie bezeichnen Ihren Betrieb als „Schreinerei 4.0“. Was bedeutet das für Sie?

Für mich steht 4.0 für den digitalen Prozess in der Herstellung. Dieser fängt schon mit meinem Online-Möbelplaner an. Danach geht es mit der digitalen Schnittliste weiter, die anzeigt, welche Maße die Werkstücke haben müssen. Mein Planungsprogramm bzw. der Möbelplaner erstellt diese direkt und parallel zur weiteren Planung. Auch wenn der Kunde nicht online bestellt, nutze ich für den Aufmaß vor Ort mein Tablet und übertrage die Maße des Zimmers in ein Computermodell. Schließlich findet sich das 4.0 dann auch bei der Fertigung in Form der NC-Maschinen.

 

Fehlt Ihnen das Persönliche, wenn ein Kunde das Möbelstück komplett online plant und Sie nicht zur Ausmessung benötigt?

Trotz der Digitalisierung finde ich den persönlichen Kontakt immer noch wichtig und hilfreich.  Fahre ich beispielsweise zum Kunden, um den Raum auszumessen, sehe ich direkt dessen Einrichtungsstil und kann dementsprechend beraten – und anfertigen. Aber auch so würde mir das Persönliche fehlen, wenn alles digital wäre.

 

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich baue gerade eine neue Werkstatt in Grünberg. Dort baue ich auch einen Raum, den ich später für Virtual Reality-Technik nutzen möchte. Der Kunde hat dann die Möglichkeit, sich das Möbelstück vorher in 3D zu erleben und kann selber virtuell die Türen öffnen und schließen. Außerdem plane ich mit Augmented Reality zu arbeiten. Damit soll es dem Kunden möglich sein, ein Modell des Möbelstückes über sein Smartphone oder Tablet in seinem Raum zu sehen. So kann er sich am Besten vorstellen, wie es später im Raum aussehen wird.

Was bedeutet VR und AR?

Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) sind Techniken, die man heutzutage in immer mehr Bereichen nutzt. VR wird über eine Brille genutzt. In dieser „Brille“ befinden sich ein oder mehrere kleine Bildschirme direkt vor den Augen. Durch diese sieht man die virtuell erstellte Realität, kann sich in dieser bewegen oder mit Gegenständen interagieren. Diese Technik wird häufig für Videospiele eingesetzt. Dort klettert man beispielsweise eine virtuelle Kletterwand hoch und bleibt in der Realität doch am Boden.
Augmented Reality erweitert die Realität, die man durch die Handy-, Tablet- oder Laptopkamera sieht, durch virtuelle Einblendungen. So kann man zum Beispiel durch die Kamera die Aufstellung eines Fußballspiels auf dem Wohnzimmerfußboden sehen, sich mit Apps wie Snapchat Hundeohren aufsetzen oder Pokémon in der Nachbarschaft fangen.


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