Deutsche Neurowissenschaften Olympiade in Frankfurt

Hirnforschung zum Anfassen

von Fabian Rohmann, 26. März 2018, Healthcare

Neurowissenschaft in Schülerhänden! Was sonst eigentlich nicht auf dem Lehrplan steht, war am 17.3. ein Riesenspaß für alle Beteiligten. Bei der Deutschen Neurowissenschaften Olympiade im Max-Planck-Institut in Frankfurt testeten Schüler ihr Wissen rund ums Gehirn. Gewinnen stand dabei nur an zweiter Stelle.

Menschliche Gehirne in Scheiben geschnitten, in Einzelteile zerlegt und mit Elektroschocks manipuliert. Was nach einem Szenario aus einem Thriller klingt, geschah hier im Namen der Wissenschaft. Und schaffte Begeisterung bei jungen Schüler für das Thema Neurowissenschaft. Im Max-Planck-Institut für Hirnforschung fand am 17.03.2018 zum zweiten Mal die Deutsche Neurowissenschaften Olympiade (DNO) statt – gefördert durch die Gemeinnützige Hertie-Stiftung und dem Interdisziplinären Forum für Neurowissenschaften in Frankfurt. 26 Teilnehmer, zwischen 14 und 19 Jahren, stellten sich der fünfstufigen Herausforderung: Zum Aufwärmen ein schriftlicher Test aus 15 Multiple-Choice Fragen. Anschließend 25 Stationen mit Gehirnmodellen und Mikroskop-Proben, um Fragen zu Struktur und Funktion der Objekte zu beantworten. Dann steigt der Schwierigkeitsgrad weiter. Anhand einer kurzen Krankengeschichte, einem Video zu den Symptomen und einiger schriftlicher Untersuchungsergebnisse sollen die Schüler die richtige Diagnose der neurologischen Störung stellen. Abschließend folgen zwei Runden auf dem Podium, wo eine Jury aus erfahrenen Wissenschaftlern mit stetig schwerer werdenden Fragen wartet.

Mit Herz fürs Hirn

„Wir wollen die Aufgaben so realistisch wie möglich gestalten, und den Schüler so einen Eindruck aus der tatsächlichen Forschung vermitteln“, sagt LaShae Nicholson, Marketingleiterin der DNO. Sie und ihr Team aus Studenten, Doktoranden und Wissenschaftlern organisieren den Wettbewerb ehrenamtlich, von der Planung über das Material bis hin zur eigentlichen Veranstaltung. Sie erforscht als Doktorandin die Interaktion zwischen Nervenzellen und vaskulärem System. „Ich bin begeistert davon, den Schülern unsere Leidenschaft für Neurowissenschaften näher zu bringen“, erzählt Nicholson.

Neben dem Wettbewerb bot eine Mini-Expo unterhaltsame Aktivitäten zwischen den Tests. „Wir haben auch Angebote für mitgereiste Eltern, Lehrer und Geschwister der Teilnehmer vorbereitet, um diese für Neurowissenschaften zu interessieren und das Thema so stärker in die Öffentlichkeit zu bringen“, erklärt Jonas Kaden, angehender Biologielehrer und Mitglied im Organisationsteam. Beim Dartspiel mit verschobenem Blickfeld lernen die Schüler, wie schnell sich das Gehirn an veränderte Sinneseindrücke anpassen kann. Tabletten aus speziellen afrikanischen Beeren manipulieren die Rezeptoren der Zunge, sodass sogar ein Stück Zitrone süß wie Zucker schmeckt. Und mit einer Spiker-Box, die Strom mittels Elektroden überträgt, wird die Aktivität der Muskeln gemessen – und auf den Muskel einer anderen Person übertragen. Ein schockierender Spaß.

 

Interesse jenseits des Lehrplans wecken

Zu den typischen Schulfächern gehört Neurowissenschaft sicher nicht. Schüler beschäftigen sich mit Mathe, Englisch und Naturwissenschaft und begegnen der Hirnforschung meist frühestens an der Universität. Auch bei den Organisatoren war es so: „Als Schülerin war Neurowissenschaft für mich kein Begriff. Erst im Studium entdeckte ich die Faszination für das Forschungsfeld – und diese gebe ich gerne an die Schüler weiter“, erklärt Dilara Soydas, Medizinstudentin und ebenfalls Organisatorin der DNO. Der Wettbewerb steht dabei nicht an erster Stelle. Die Ziele der Veranstaltung greifen weiter: Getreu dem Motto „Driving Connectivity“ das Interesse an Neurowissenschaften verbreiten, den Schülern einen Treffpunkt mit Gleichgesinnten bieten und ihnen zeigen, wie Vielfältig das Forschungsfeld und deren Berufsfelder sind. „Nach einem Medizinstudium kann man mehr als nur Arzt werden und seinen Forscherdrang im Bereich der Neurologie erweitern – das möchten wir den Schülern mitgeben“, sagt Soydas.

Auch die Wissenschaftler profitieren von der Veranstaltung. „Um unsere Forschung für die Kinder aufzubereiten, müssen wir eine ganz neue Perspektive einnehmen. Durch die Fragen der Schüler stoßen wir dabei auf Aspekte, die wir vorher nicht bedacht hatten“, berichtet Nicholson. Und die neurologische Forschung kann neue Impulse gut gebrauchen: Es gibt über 1.000 Gehirnkrankheiten und Störungen, die noch nicht heilbar sind. Die Forschungsfelder sind so unterschiedlich wie die Mysterien, die es noch zu enträtseln gilt.

Die Teilnehmer der DNO mit dem Organisationsteam

Investition in die Zukunft

Die Veranstaltung ist Teil des International Brain Bee Programms, das in über 50 Ländern aktiv ist und 150 Wettbewerbe auf sechs Kontinenten austrägt. In Frankfurt war die erste Runde der Regionalausscheidung, die zeitgleich auch in Bonn und Berlin stattfand. Die jeweils 15 Besten der drei Veranstaltungen treffen sich am 12. May 2018 zur nationalen Meisterschaft in Heidelberg. Der Sieger vertritt Deutschland bei der International Brain Bee im Juli. Das Event findet im Rahmen des renommierten Forums für Neurowissenschaften der FENS (Federation of European Neuroscience Societies) statt, an dem der Finalist ebenfalls teilnehmen wird. Zudem erhalten die drei Erstplatzierten die Möglichkeit, verschiedene Praktika in angesehenen Forschungseinrichtungen zu absolvieren.

Das Fazit der diesjährigen Deutschen Neurowissenschaften Olympiade ist mehr als positiv. Schüler – und auch Eltern – hatten großen Spaß an den Ständen der Mini-Expo und zeigten sich äußerst engagiert in den Tests. Die finale Podiumsrunde bot ein spannendes Kopf-an-Kopf Rennen, bei dem alle gebannt mitfieberten. Nicholson erzählt: „Schon während des Events sagten uns viele Teilnehmer, es sollte mehr solcher Veranstaltungen geben. Das zeigt, dass unsere Arbeit sich absolut lohnt – und das macht uns sehr stolz.“ Und möglicherweise wird einer Teilnehmerin oder einem Teilnehmer der nächste große Durchbruch in der Neurowissenschaft gelingen – weil sie oder er an diesem Tag die Faszination dafür entdeckte.

 

Willst du dein Wissen zum Gehirn testen? Dann stell dich unserer Mini Neurowissenschaften Olympiade:

Zeit für Geschichte

1914 wurde das Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin gegründet, der Vorläufer des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Die führenden Köpfe waren Oskar und Cecile Vogt. Oskar wurde 1926 von der Sowjetregierung beauftragt, das Gehirn des zwei Jahre zuvor verstorbenen Lenin zu untersuchen – und so die Spuren für Lenin’s Genie zu ergründen. Bis 1930 reiste Vogt regelmäßig nach Moskau, um die Untersuchungen persönlich zu betreuen. In seinem Abschlussbericht resümierte er, das Lenin ein “Assoziationsathlet” gewesen sei, der eine überdurchschnittliche Auffassungsgabe hatte. Viele Experten hielten dieses Ergebnis für sehr weit hergeholt, doch die Faszination für die Gehirne bedeutender Persönlichkeiten hält sich bis heute: Spiegelt sich die außerordentliche Intelligenz dieser Menschen in der Hirnstruktur wider? Berühmtes Beispiel dieser Passion ist Einsteins Gehirn. Er starb 1955, doch noch im November 2012 wurde eine wissenschaftliche Untersuchung an seinem Großhirn durchgeführt. Doch bisher konnte keine morphologische Studie eine bahnbrechende Einsicht liefern.


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